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Die Panik vor der Panik

Eine Panikattacke ist nichts Schlimmes. Es ist ein Ausnahmezustand. Völlig grundlos wird unser Körper und unsere Psyche in einen Zustand der extremen Panik versetzt. Zum Problem wird das erst, wenn eine Panik vor der Panik entsteht.

Panikattacken können einen immer und überall treffen. Im Bett, mitten in der Nacht, in der U-Bahn, auf der Straße, Zuhause und beim Autofahren. Das sind zumindest die Orte, an denen ich eine Panikattacke erlitt. Eine der schlimmsten war mitten in der Nacht, als ich vom Fortgehen nach Hause kam. Ich war relativ betrunken und jeder meiner Sinne täuschte mich. Das war auch der Moment, in dem ich mir sagte ‚so kann es nicht weiter gehen‘. 4 Monate ist das nun her. Also, 4 Monate, 2 Psychologen (Psychiater, Lebenshilfecoach, Psychotherapeut oder wie auch immer man das benennen möchte) und eine kurzzeitige Einnahme von Beruhigungsmitteln bedurfte es, um zu lernen, dass alles halb so schlimm ist.

Für viele klingt das vermutlich alles andere als zufriedenstellend. Eine Panikstörung/Panikattacke ist grauenhaft, keine Frage. Doch sie ist nicht das Ende der Welt. Das was folgt, ist schlimmer. Wir machen aus einem relativ kleinen Problem ein immens Großes, indem wir eine Angst vor der Angst entwickeln. Wir haben Angst davor in der Öffentlichkeit zu sein, weil wir uns unwohl fühlen. Was denken sich die anderen Menschen nur, wenn man in der Öffentlichkeit eine Panikattacke erleidet? Das ist doch peinlich, oder? Nein, ist es nicht.

Ganz im Gegenteil, wenn man Glück hat, wird einem geholfen. Ich hatte eine Panikattacke in der U-Bahn. Nicht ganz in der U-Bahn, aber es begann in der U-Bahn.

Mein Herz schlägt schneller. Mein Atem wird schneller. Was passiert um mich herum? Mir wird heiß. Wer sind diese Menschen? Benimm dich normal! Mein Herz schlägt so schnell, als würde es mir jeden Moment aus dem Brustkorb platzen. Mein Atem wird immer schneller. Ich habe Angst. Ich bin hellwach. Mir ist heiß, extrem heiß. Was ist hier los? Schaut mich die Frau komisch an? Warum schauen alle so komisch? Ich spüre Gefahr. Ich habe panische Angst. Mir wird schwindelig.

So ging es mir. Mein Herz begann zu rasen – ich versuchte zu atmen – zu spät. Ich stieg sofort aus, ich brauchte Luft, ich brauchte Platz. Die Frau, die mich komisch anschaute, stieg ebenfalls aus. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Wand und sank zu Boden. Ich atmete so laut, das man mich sicher auf dem anderen Bahngleis hören konnte.  Mir war das alles so fürchterlich peinlich. Die Frau, die mich komisch anschaute merkte, dass etwas nicht stimmte und kam sofort zu mir. Sie versuchte mich zu beruhigen. Ein Mann kam ebenfalls. „Alles halb so schlimm, was ist los? Prüfung nicht bestanden? Die schaffst du beim nächsten Mal! Oder ist es dein Freund? Ist er ein Idiot? Du hast was Besseres verdient!“ Er sagte noch mehr, doch ich kann mich nicht mehr erinnern. Für gut 15 Minuten standen die beiden bei mir.

Die Dame wollte immer wieder die Rettung rufen, doch ich bat sie es zu unterlassen. Sie starrte mich förmlich an und versuchte mich zu beruhigen. Als ich merkte, es geht mir besser, stand ich auf. Sie wirkten beide ein wenig verstört und verunsichert, als hätten sie nicht damit gerechnet. Ich bedankte mich und erklärte ihnen die Situation. Es war tatsächlich halb so schlimm. Einige Passanten schauten ziemlich dumm drein – doch in dem Moment hat man wichtigeres zu tun als sich Sorgen um andere zu machen. Eine Panikattacke ist nicht angenehm, doch sie hindert einen nicht daran ein ganz normales Leben zu führen. Ich hab noch immer Panikattacken, doch keine Panik vor der Panik. Es liegt an mir, wie viel Raum ich diesem Problem geben möchte. Ich habe mich entschieden, diesem Problem nicht mehr Raum zu geben als es braucht.

2 replies »

  1. Wirklich sehr interessant einmal etwas über dieses Thema zu lesen! Da ich davon nicht betroffen bin und auch niemanden kenne, der damit zu kämpfen hat, habe ich mich mit Panikattacken nie beschäftigt. Aber ich denke es sind echt viel mehr davon betroffen als man denkt.
    Was mich aber interessiert ist, was denn eigentlich der genaue Grund für diese aufkommende Panik ist. Ist es die Angst davor, dass man in den Augen anderer abnormal wirken könnte oder man von Leuten vielleicht angestarrt wird? Oder hat man Angst davor sich peinlich zu verhalten?

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  2. Ich kenne auch eine Person, die an Panik Attacken leidet- und auch sie hat mehr Angst vor dem Bekommen der Attacke, als von der Attacke selbst. Immer wieder sagt sie mir, wie peinlich das sei und wie alle nur reagieren würden. Ich kann das nachvollziehen, leider verstehen immer noch sehr wenige Meschen, was das ist und wenn man sich nicht damit auseinander setzt, dann wirkt das wirklich komisch oder verwirrend wenn jemand vor der Heizung sitzt, zittert und fast weint und nach einigen Minuten seelenruhig aufstehen kann.
    Aber es ist immer gut, wenn man den Personen erklärt um was es sich handelt 🙂
    LG

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