Reisen

Ein Selfie mit dem Priester

IMG_5143 (Large)Es wird dunkel über dem Fluss. Öllichter mit Blütenkränzen schwimmen in den Fluten, von den Gläubigen am Ganges-Ufer liebevoll geschmückt. Einige von ihnen stehen bis zu den Schultern im Wasser, haben die Augen geschlossen, atmen das ein, was für andere unsichtbar ist. Da ist es, das Heilige, sie spüren es, ganz nah, die leichten Bewegungen des Wassers, die sanften Fluten, die ihre Körper berühren. Die Pilger waschen sich von ihren Sünden frei. Sie meditieren, machen Yoga-Übungen im Wasser und beten dabei zu Shiva. Andere säubern ihre Kleider oder ihre Bett-Tücher im Fluss.

Die flachen Buchten am Ufer, die Tempel – sie sind erhellt durch das gelbe Licht der Leuchten. Das schmutzige Wasser des Ganges mit all seinen Abfällen, seinen Fäkalien wirkt unschuldig, fast rein, im schummrigen Glanz der vielen Lichter.

Der 2.700 Kilometer lange Fluss entspringt in 4.200 Metern Höhe nahe der indisch-tibetischen Grenze im Himalaya. Er ist der heilige Fluss der Hindus. Varanasi, auch Benares genannt, liegt an seiner mittleren Ebene und soll die am längsten besiedelte Stadt der Erde sein. Deswegen ist sie auch heilig. Und für gläubige Hindus ist sie der Platz zum Sterben. Nach ihrer Überzeugung wird so die Zahl der Wiedergeburten verringert, die der Mensch durchläuft, bis seine Seele nach Erreichen der Vollkommenheit im Absoluten aufgeht. Auf den Verbrennungsplätzen am Ufer des Ganges, den Ghats, werden die Toten aufgebahrt, in weiße Tücher gehüllt und eingeäschert, ihre sterblichen Überreste dem Fluss anvertraut.

Jeden Abend nach Sonnenuntergang zelebrieren brahmanische, in safrangelbe Gewänder gekleidete Priester am Ufer eine Zeremonie, die sogenannte Aarti.  Zu Beginn wird auf einer Meeresschneckenschale (Konche) geblasen. Dann werden Räucherstäbchen und Feuerlampen geschwenkt. Die Bewegungen untermalen rhythmische Mantra-Gesänge. „Sie sind in Sanskrit“, erklärt Gästeführer Sangharsh. Sanskrit sei die Muttersprache Indiens. Aufzeichnungen gehen bis auf das Jahr 1200 v. Chr. zurück. „Wenn ich die Mantras höre oder lese fließt Energie durch meinen Körper“, beschreibt Sangharsh das Erlebnis seiner Spiritualität.

„Vor allem Priester lernen Sanskrit, doch die Mehrzahl der Bevölkerung versteht die Sprache nicht“, sagt Pfarrer Vijay Shantiraj von der St. Mary’s-Kathedrale in Varanasi. Und genau das sei der Punkt, dass Menschen zu ihm kommen, in seine Gottesdienste. Immer wieder. „Sie verstehen die Bedeutung der Mantras nicht, dagegen können sie die Worte des Evangeliums nachvollziehen.“ Sicherlich gehe eine starke Kraft von den hinduistischen Formeln aus, doch dafür müsse man sie erst einmal erklären können.

DSCF2441 (Large)DSCF2447 (Large)Shantiraj wurde in eine katholische Familie geboren. Er erzählt, dass er mit Hindus und Moslems aufgewachsen sei. Die Anzahl der Christen in Indien beträgt ungefähr 25 Millionen. Von ihnen bekennen sich 18 Millionen zur Katholischen Kirche. „Die Zahlen sind über die Jahre fast gleich geblieben.“

Gerade sind Schülerinnen und Schüler der Diözese zu einem Besuch in der Kathedrale. Einige Mädchen wollen ein Foto mit dem Priester. Der lacht und macht mit. „In unserer Schule sind alle Konfessionen vertreten. Die Religionszugehörigkeit  spielt für uns keine Rolle“, sagt der 58-Jährige. In Varanasi gäbe es insgesamt 190 katholische Familien und 100, die sich dem christlichen Glauben verbunden fühlen. Ganz in der Nähe der Stadt befindet sich ein Ashram, ein klosterähnliches Meditationszentrum, mit rund 50.000 Anhängern. „Sie besuchen unsere Gottesdienste. Doch wir haben keine Absicht, sie zu taufen“, betont der Priester. „Denn dann würden wir Probleme bekommen.“ Staatsreligion sei immerhin der Hinduismus.

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Gespräch mit Pfarrer Vijay Shantiraj in Varanasi.

In den Gottesdiensten wird das Evangelium gepredigt. „Die Gläubigen hier wollen Frieden in der Welt und von Krankheiten geheilt werden. Jesus Christus bringt ihnen Zuversicht und ist für sie ein Hoffnungsträger.“

Dumpfe Klänge hallen vom Ganges-Ufer herüber. Die Aarti-Priester schlagen den Gong ein letztes Mal. Männliche Familienmitglieder warten, bis ihre Toten verbrannt sind. Das dauert etwa vier Stunden. 350 Kilogramm Feuerholz werden für einen Leichnam verbraucht. „Frauen dürfen nicht teilnehmen. Aus emotionalen Gründen“, sagt Sangharsh. Es sei schon vorgekommen, dass sich Ehefrauen ins Feuer werfen, aus Liebe, aus Zukunftsangst oder weil sie nichts wert sind ohne ihre Männer. Varanasi ist eine ungewöhnliche Stadt zum Leben und eine mystische Stätte zum Sterben. Sterben, um danach ewig leben zu können. So heißt es.

Zurück im Pfarrbüro der St. Mary’s-Kathedrale. Zwei Schülerinnen klopfen an Pfarrer Shantirajs Türe. Sie lächeln schüchtern: „Bitte ein Selfie, Vater!“

Mehr zu meiner Reise nach Nordindien hier!

 

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