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Kind aus Samenspende

Es gibt Wunschkinder, es gibt mehr oder weniger glückliche Zufälle und dann gibt es Kinder wie mich. Kinder, die gezeugt worden sind, nicht auf herkömmlichen Weg, sondern in einem Reagenzglas, indem die Eizellen meiner Mutter mit dem Sperma eines fremden Mannes gemischt wurden.

Die ersten 17 Jahre meines Leben lebte ich in dem Glauben zwei Väter und eine Mutter zu haben. Bei diesen zwei Vätern handelte es sich um meinen rechtlichen und biologischen Vater und um einen Mann der immer für mich da war und der für mich wie ein Vater war und noch immer ist. Dazu habe ich wie jedes andere Kind auch eine Mutter. Und ich habe Geschwister. Ich habe eine Zwillingsschwester und einen älteren Bruder. Mein Bruder und ich sehen uns sehr ähnlich, meine Schwester und ich aber gar nicht. Meine Eltern erzählten uns oft wie überrascht sie waren, dass sie Zwillinge bekamen, ich dachte immer es läge daran, weil man einfach nicht damit rechnet.

Seven thousand eyes are watching
Marching home and no one’s touching
Army of the city workers
Secretaries, lawyers, brokers

Wie gesagt, das ging 17 Jahre so. Durch einen riesigen Familienstreit, der meinen Vater wirklich zum ‚Buhmann‘ der Familie machte, beschloss meine Mutter uns die Wahrheit zu sagen. Sie tat dies nicht, weil sie fand, dass wir die Wahrheit wissen sollten, sondern weil sie wollte das wir unserem Vater mehr Verständnis entgegen bringen sollte.

„Dein Papa ist nicht dein Papa. Dein Papa kann keine Kinder bekommen“

Das waren die genauen Worte die sie benutzte. Okay, wenn er nicht mein Vater ist, wer ist es dann? Ich war weder schockiert, noch traurig, noch wütend. Ich war erleichtert – um ehrlich zu sein. Wir können selbst entscheiden wer wir sind und wie wir sein wollen. Viele unserer Charakterzüge sind auf unsere Gene zurückzuführen, wie ausgeprägt diese dann sind hängt oftmals mehr mit der Erziehung und dem Freundeskreis zusammen. Wie gesagt, ich war erleichtert. Mein Vater und ich hatten niemals eine wirklich gute Beziehung, ich war immer das Kind das an letzter Stelle kam und an allem schuld war. Doch zu dieser Zeit, sah ich wie viel Leid er meiner Mutter antat – und war schlicht und einfach froh, nichts von diesem Menschen in mir zu haben. Viele können das nicht verstehen, und das ist auch in Ordnung so.

Stuck here it’s cold I’m standing
Hoping for some understanding
Only way to go is inside

I’m going to find a happy
I’m going to find a happy
I’m going to find a happy place

Ich weiß nicht ob mein Bruder mein Bruder ist, oder ‚nur‘ mein Halbbruder. 17 Jahre lang, lebte ich das Leben eines Mädchen in einer mehr oder weniger normalen Familie. Und plötzlich, besteht meine biologische Familie nur noch aus meiner Mutter, meiner Schwester und meinem (halb-)bruder. Wer bin ich eigentlich? Woher komme ich? Wer ist mein Vater? 17 Jahre lang lebte ich mit zwei Vätern, doch plötzlich hatte ich gar keinen. Obwohl ich erleichtert war, stellte ich mir so viele Fragen. Dazu kommt noch, dass ich zu dem Zeitpunkt in einer Beziehung war, die mir alles geraubt hat. In dem Moment war alles ein bisschen zu viel für mich. Es war ein kalter Herbstabend an dem meine Mutter es mir erzählte. Auf diesen kalten Herbstabend folgte ein noch kälterer Winter.

Erst nachdem meine Beziehung im Frühling / Anfang Sommer in die Brüche ging, hatte ich Zeit und vor allem Kraft, mir über alles Gedanken zu machen. Ich habe keine Ahnung wer ich bin und wer mein Vater ist. Zu dem Zeitpunkt konnte ich es auch nicht herausfinden, da meine Mutter mir sagte „Bitte sag es niemanden, dein Vater bringt mich sonst um“. Wie ernst gemeint das war, weiß ich nicht. Aber gut, dann nicht.

Mit 22 gab es die nächste Familienkrise – wodurch diese ausgelöst wurde wollt ihr nicht wissen. Obwohl doch. Ich und mein Ex-Freund trennten uns, ich zog in ein Studentenheim und stellte einige Kisten in mein ehemaliges Kinderzimmer. Und das war der Grund: Kisten. Eine Familienkrise ausgelöst durch Kisten. Unterhaltsam, nicht wahr? Durch diese ‚Krise‘ kam es dann dazu, dass mein Vater uns schlussendlich auch sagte, dass wir nicht seine biologischen Kinder sind. Ich war nicht überrascht, ich wusste es ja schon längst. Doch die Tatsache es nun ‚offiziell‘ zu wissen, gab mir die Möglichkeit meinen ‚richtigen‘ Vater zu finden. Doch das tat ich nicht.

Ich kann sein wer ich will.

Es klingt total dämlich, doch ich kann sein wer ich will. Nicht zu wissen wer der eigene Vater ist, kann natürlich belastend sein, doch das ist es nicht. Ich habe 3 Väter:

-einen biologischen

-einen rechtlichen ( vom Gesetz her)

-einen der mehr Vater für mich ist, als die anderen beiden gemeinsam.

Die Tatsache, dass ich schon als kleines Kind meinen Vater ‚aussuchte‘ machte das Ganze doch sehr einfach. Denn er brachte mir sehr viel bei, akzeptierte mich immer, war da wenn ich Probleme hatte oder verursachte habe. Ich hatte einen Vater. Wir waren zwar keineswegs verwandt, aber er ist mein Vater.

Towards the earth’s red center
Let the fire rise and enter
Tap into the primal power
Rising like a giant tower

The energy receiving
Cut a hole right through the ceiling

Biologisch gesehen, habe ich keine Ahnung wer ich bin, wieso meine Haare rötlich sind, die meiner Schwester dunkelbraun und die meiner Mutter blond. Ich weiß nicht, wieso ich so aussehe, wie ich aussehe, denn ich kenne meinen Vater nicht. Aber das ist in Ordnung. Denn ich kann sein wer ich will. Ich bestehe zur Hälfte aus meiner Mutter und zur Hälfte aus meinem Vater. Da ich nicht weiß wo mein Vater herkommt, kann halb Brasilianerin sein, wenn ich möchte.

Doch ich habe mich entschlossen einfach ich zu sein. Ich möchte mittlerweile auch nicht mehr wissen wer mein Erzeuger ist. Das Gefühl, wirklich ‚gezeugt‘ worden zu sein ist eigenartig. Während die meisten Kinder einem Akt der Liebe entspringen, wurde ich in einem Reagenzglas gezeugt. Mittlerweile weiß ich auch weshalb meine Eltern zu überrascht waren Zwillinge zu bekommen: Sie hatten einfach keine Zwillinge bestellt. Sie wollten lediglich ein Geschwisterchen für meinen Bruder haben. Ich scherze immer wieder: „Seid doch froh, ihr habt ein Kind gratis dazubekommen“. Ich gebe zu, sie finden den Witz nicht so lustig wie ich.

Find a star, send down a beam
To where you are
An elevator of light taking you somewhere
Where you’ll always be loved

I have found that stress and nonsense
Puts me in zone of avoidance
Could my mind be moving faster
Pulling like a super cluster

Immer wieder fragen mich Freunde wie es denn sei, ein ‚Sperma-Spende-Kind‘ zu sein. Ich weiß es nicht. Es ist nun mal wie es ist. Und so wie es ist, ist es gut.

Keep your Head up – and your Heart strong.

PS: Das Lied heißt „Happy Days“ und ist von Katie Melua.

3 replies »

  1. Das ist eine berührende Geschichte, die nicht nur wegen des schönen Schreibstils ans Herz geht. Doch ich finde es wichtig und richtig, dass du für dich die Schlussfolgerung gezogen hast, dass deine Identität nicht darauf beruht, wer dein biologischer Vater ist. Sondern darauf, was du aus dir selbst machst. Der Text gibt Mut – danke dafür!

    Liebe Grüße
    Jenni

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