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Auf ein Bier mit dem ‚Bierkavalier‘

In den Medien wird immer wieder von verrückten Menschen berichtet, die einzig und allein wegen ihrer „Verrücktheit“ bekannt sind. So einen gibt es auch in Wien, von den Medien bekam er den Namen: Der Bierkavalier und ich habe tatsächlich mit ihm ein Bier getrunken.

Für all jene, die ihn nicht kennen:

Der „Bierkavalier“ ist ein Mann, geschätzt ca. 40 Jahre alt und benutzt tagtäglich, wie viele andere Wiener, die U-Bahn. Er trägt oft dasselbe Outfit: eine alte Lederjacke, eine Brille und eine zerrissene Jeans. Jeden Tag benutzt er die U-Bahn und jeden Tag fragt er fremde Frauen, ob sie mit ihm ein Bier trinken wollen. Tag ein, Tag aus. Am Liebsten benutzt er die Linie U4. An dieser Linie lebe ich seit nun einem Jahr. In diesem Jahr, habe ich ihn schon sehr oft gesehen. Oft habe ich beobachtet, wie er andere Frauen angesprochen hat, mich selber aber nie. Ich las immer wieder, dass er von eifersüchtigen Freunden verprügelt wurde – obwohl er wirklich nichts Schlimmes macht. Wenn man „Bier-Kavalier“ bei Google eingibt, findet man sofort viele Ergebnisse: Bilder, Berichte, Fotos und Videos.

Er spricht die Frauen an und unabhängig von ihrer Antwort geht er meistens einfach weiter. Es erinnert fast schon an eine Zwangsstörung, sonderlich glücklich wirkt er nämlich auch nicht damit. Ich habe immer wieder mit meinen Freunden herum gescherzt, dass er mich nicht anspricht, aber sobald er dies mal tun sollte ich „ja“ sagen werde. Vor einer Woche war es dann soweit: er sprach mich tatsächlich an! Total perplex und irritiert lehnte ich jedoch ab. Mist! So sollte es nicht laufen.

Gestern Abend war es dann soweit. Wir entschlossen uns, uns mit Bier einzudecken, in die U-Bahn zu setzen und einfach darauf zu warten, dass der besagte Herr auftaucht. Bei Karlsplatz sahen wir ihn auch, was uns optimistisch stimmte ihn an dem Abend noch einmal zu sehen, da wir zuerst das Bier kaufen mussten. Wir kauften 6 Bier, da wir nicht wussten wie lange wir jetzt in der U-Bahn sitzen würden. Wir stiegen bei der Station „Landstraße“ ein. Wir waren zu dritt unterwegs: Zwei Mädels und ein Typ. Wir öffneten unser Bier und machten es uns gemütlich. Es war erstaunlich, denn es dauerte keine 10 Minuten bis er kam. Wir waren wirklich überrascht, es ging einfach viel zu schnell. Ich saß mit dem Rücken zu ihm und irgendwann stand er neben mir. Er stand neben mir, schaute mich an und fragte „Darf ich dich auf ein Bier einladen?“.

Ich antwortete und kramte gleichzeitig in meiner Tasche: „Nein, aber ich kann dich auf eines einladen!“ und holte just in dem Moment ein Bier aus meiner Tasche und streckte es ihm entgegen. Nicht nur er war total irritiert, sondern auch alle Menschen die das sahen. Ich glaube, man kam ihm noch nie mit so viel Freundlichkeit entgegen. „Ja, aber ich will dafür zahlen“, stammelte er und nahm mein Bier. Er setzte sich neben unseren Freund und wir stießen mit ihm an. Ich wusste nicht was ich zu erwarten hatte. Würde er sich mit uns unterhalten? Würde er einfach nur da sitzen? Würde gleich aufstehen und gehen?

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Auf ein Bier mit dem Bierkavalier

Wir stießen an. Er erzählte uns, dass ein kleiner Hund ihn attackierte, und dass Beagles seine Lieblings Hunde sind. Er hatte etwas ruhiges, Unaufdringliches in seiner Erscheinung und in seiner Art zu sprechen. Er saß einfach da und unterhielt sich mit uns. In dem Moment, war er ein ganz normaler Mensch und nicht der „Bierkavalier“. Er studierte an der TU Informatik, er beendete das Studium nicht, aber arbeitete später als Programmierer. Er erzählte von einer Freundin, die Philosophie studierte, erklärte uns, wie die U-Bahnfahrer bei den Endstationen immer von einem Ende zum anderen gehen, und fragte uns wo wir eigentlich aussteigen müssten. „Bei Meidling Hauptstaße, aber wir hatte noch ein wenig Zeit zu verstreichen und saßen uns daher einfach in die U-Bahn, weil es da warm ist“, sagten wir und fragten was sein Ziel sei „Ich hab kein Ziel“, sagte er und lachte.

„Danke für das Bier“, sagte er bevor er sich verabschiedete. Unser Freund entgegnete nur „Bitte gerne, du hast ja gefragt!“, er lachte. Er wirkte entspannt. Er verließ unser Abteil und ging in das Nächste. Dort stand er zuerst, aber setzte sich dann hin. Ich habe ihn noch nie in der U-Bahn sitzen sehen. Ob er mich das nächste Mal erkennt weiß ich nicht, jedoch war ich sehr glücklich darüber, den Mann hinter der Fassade kennenzulernen.

Keep your Head up – and your Heart strong.

Nachtrag: Ich habe ihn nur wenige Tage später wieder getroffen. Er lud mich wieder auf ein Bier ein, da merkte ich, dass er nicht ganz bei sich war. Erst als ich sagte “ Hey wir kennen uns! Wie geht es dir?“ schien er aus diesem Teufelskreis in dem er sich befand auszubrechen. Er heißt Paul, ist momentag arbeitslos ( aufgrund seiner psychischen Erkrankung) und kann mehr oder weniger nicht anders als Tag für Tag durch die U4 zu streichen und Frauen auf ein Bier einzuladen.

Nachtrag 1: Ich habe die Kommentarfunktion bewusst ausgeschalten, da einige Kommentare einfach zu geschmacklos waren und ich das hier nicht dulde. Wenn ihr etwas zu sagen habt, könnt Ihr gerne auf facebook eine Nachricht schreiben.

21 replies »

  1. Er hat auch schon mit ganz anderen Adjektiven beschrieben – da sind „obdachlos“ und „verrückt“ nur harmlosesten Adjektive, „pädophil“, „grindig“, „psycho“, „ekelhaft“, „widerwärtig“, um nur ein paar zu nennen.

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  2. Bei uns gibt es einen Obdachlosen, der früher Chirurg war – bis ihn die Frau verlassen hat, er alkoholabhängig wurde und dann nach und nach alles verloren hat. Leider schaun die wenigsten Menschen wirklich hinter die Fassade. Erst recht nicht bei „Pennern“. Täte so manch einem aber mal ganz gut. Es öffnet Herz, Horizont und Verstand. Tolle Geschichte und schöne „Aktion“ von Euch! 🙂

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  3. Ganz toller Artikel! habe über diesen Kavalier mal bei „VICE“ gelesen & hätte nicht erwartet dass er tatsächlich mal mit jemandem näher ins Gespräch kommt. Danke dass Du uns teilhaben lässt!!!

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  4. Ein schöner Bericht!
    Toll, dass ihr euch mit so viel Zeit und Offenheit diesem Menschen zugewandt habt, der scheinbar einfach nur ein wenig einsam ist und nach Gesellschaft sucht.
    Ich glaube, ihr habt ihm einen ganz besonderen Abend geschenkt, den er so schnell bestimmt nicht vergessen wird. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

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  5. Eine erstaunliche Geschichte, von der ich noch nicht gehört hatte. Ganz großes Kino, es hat ihm offensichtlich viel Freude bereitet. Ich bin gespannt, ob ihr euch nochmal begegnet und wie er dann reagiert.

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  6. Ich finde eure *Aktion* großartig.
    Mir berührt das sehr.
    Ich betreue seit vielen Jahren ein Obdachlosen-Projekt in Linz,
    daher kenne ich viele von diesen angeblich *Verrückten*.
    Ich mag diese Menschen viele von ihnen sind wunderbare Seelen.
    Segen und Grüße nach Wien aus dem Bezirk Linz-Land.
    M.M.

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